FREIR Kfz-Gutachter

UPE-Aufschläge, Verbringungskosten und Beilackierung

Drei Positionen im Gutachten, die fast jeder Versicherer als Erstes streicht und die trotzdem zum Schaden gehören.

Von Freir Kreien, Freier Kfz-Sachverständiger in Leipzig

Kurz gesagt

Verbringungskosten entstehen, wenn die Werkstatt keine eigene Lackiererei hat und das Fahrzeug transportieren muss. UPE-Aufschläge sind Zuschläge auf die unverbindliche Preisempfehlung für Ersatzteile, häufig im Bereich von 10 bis 20 Prozent. Beilackierung meint das auslaufende Mitlackieren angrenzender Bauteile. Alle drei Positionen gehören nach § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB zum erforderlichen Herstellungsaufwand, wenn sie bei einer Reparatur in einer markengebundenen Fachwerkstatt Ihrer Region anfallen würden. Für die Beilackierung hat der BGH das am 17.09.2019 bestätigt (VI ZR 396/18).

Was sind UPE-Aufschläge, Verbringung und Beilackierung?

Diese drei Begriffe stehen in fast jedem Gutachten und tauchen in fast jedem Kürzungsschreiben wieder auf. Der Reihe nach.

Ein UPE-Aufschlag ist ein Zuschlag, den eine markengebundene Werkstatt auf die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers für Ersatzteile erhebt. Er deckt Lagerhaltung, Beschaffung und die Kapitalbindung im Teilelager. Der Betrieb, der einen Kotflügel innerhalb eines Tages verbaut, hält ihn entweder vor oder holt ihn heran. Beides kostet Geld.

Verbringungskosten entstehen, wenn der Karosseriebetrieb keine eigene Lackiererei hat. Das Fahrzeug muss dann zu einem Lackierbetrieb und wieder zurück. Dieser Weg wird als eigene Position kalkuliert und nicht über die Lackierstunden abgedeckt.

Beilackierung meint das auslaufende Mitlackieren angrenzender Bauteile. Wird nur die Beifahrertür lackiert, würde die Kante zum Kotflügel bei genauem Hinsehen einen Farbtonabriss zeigen. Also lackiert der Betrieb in den Kotflügel hinein aus.

Sind diese Positionen erstattungsfähig?

Ja, wenn sie bei einer Reparatur in einer markengebundenen Fachwerkstatt Ihrer Region tatsächlich anfallen würden. Grundlage ist § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB. Sie bekommen den Geldbetrag, der zur Herstellung des Zustands vor dem Unfall erforderlich ist. Wenn die Leipziger Markenbetriebe ihre Fahrzeuge zum Lackieren fahren müssen, ist die Verbringung Teil dieses Aufwands.

PositionWas dahinterstecktGrößenordnungBei konkreter ReparaturBei fiktiver Abrechnung
UPE-AufschlagZuschlag auf die Preisempfehlung für Ersatzteilemeist 10 bis 20 Prozent des Teilepreiseserstattungsfähig, wenn berechneterstattungsfähig bei regionaler Üblichkeit
VerbringungskostenTransport zur externen Lackiererei und zurückmeist niedriger dreistelliger Betragerstattungsfähig, wenn angefallenerstattungsfähig bei regionaler Üblichkeit
Beilackierungauslaufendes Lackieren angrenzender Bauteileabhängig von Fläche und Lackarterstattungsfähig, wenn ausgeführtdem Grunde nach ersatzfähig, BGH VI ZR 396/18

Der Streit entzündet sich fast immer an der rechten Spalte. Bei der fiktiven Abrechnung argumentieren Versicherer, die Kosten seien ja gar nicht entstanden. Dieses Argument greift zu kurz, denn bei fiktiver Abrechnung ist nichts entstanden, auch keine Lackierstunde und kein Ersatzteil. Maßstab ist der gedachte Reparaturweg, und der schließt diese Positionen ein.

Warum ist eine Beilackierung technisch nötig?

Weil moderne Lacke keinen exakten Neuanschluss zulassen. Seit der Umstellung auf Wasserbasislacke und mit der Verbreitung von Effektlacken mit Metallic- oder Perlanteilen lässt sich ein Farbton praktisch nie so treffen, dass die Grenze zum Nachbarbauteil unsichtbar bleibt. Dazu kommt die Alterung: Ein sechs Jahre alter Lack hat unter UV-Einfluss seinen Ton verändert, der Neulack aus der Mischbank kennt diese Geschichte nicht.

Der Lackierer löst das, indem er den neuen Ton in das angrenzende Bauteil hinein auslaufen lässt. Das Auge nimmt einen weichen Übergang über eine Fläche nicht wahr, eine harte Kante schon. Bei Effektlacken ist dieser Schritt Standard, bei Unilacken in hellen Tönen kann er entfallen.

Genau diese Unterscheidung gehört ins Gutachten. Ich schreibe nicht pauschal Beilackierung dazu, sondern halte fest, um welchen Lackaufbau es geht und welche Bauteile betroffen sind. Ein Prüfbericht, der die Position streichen will, muss dann technisch begründen, warum ausgerechnet bei diesem Perleffektlack ein harter Anschluss reichen soll.

Wie hat der BGH bei fiktiver Abrechnung entschieden?

Für die Beilackierung liegt eine klare Entscheidung vor. Mit Urteil vom 17.09.2019 (VI ZR 396/18) hat der VI. Zivilsenat die Auffassung der Vorinstanz aufgehoben, Beilackierungskosten könnten bei fiktiver Abrechnung nie erstattet werden, weil sich ihre Notwendigkeit erst nach der Reparatur beurteilen lasse. Der BGH hat dem widersprochen. Das Gericht darf sich der Schadensschätzung nach § 287 Abs. 1 ZPO nicht entziehen und muss prüfen, ob die Beilackierung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit angefallen wäre. Notfalls durch Einholung eines Sachverständigengutachtens.

Für UPE-Aufschläge und Verbringungskosten fehlt eine vergleichbar eindeutige Leitentscheidung. Die Instanzgerichte folgen aber überwiegend derselben Linie: erstattungsfähig, sofern die Position bei einer Reparatur in einer markengebundenen Fachwerkstatt der Region angefallen wäre. Der Maßstab dafür stammt aus zwei bekannten Urteilen. Im Porsche-Urteil vom 29.04.2003 (VI ZR 398/02, BGHZ 155, 1) hat der BGH festgehalten, dass Sie Ihrer Abrechnung die üblichen Stundensätze einer markengebundenen Werkstatt zugrunde legen dürfen, ermittelt auf dem allgemeinen regionalen Markt. Das VW-Urteil vom 20.10.2009 (VI ZR 53/09) hat das bestätigt und die Beweislast verteilt: Wer Sie auf eine günstigere freie Werkstatt verweisen will, muss deren Gleichwertigkeit darlegen und beweisen.

Daraus folgt die Argumentationskette. Referenz ist die Markenwerkstatt in Ihrer Region. Wenn dort UPE-Aufschläge erhoben werden und das Fahrzeug zum Lackieren gefahren wird, gehören beide Positionen in die Kalkulation. Mehr dazu im Beitrag freie Werkstattwahl und Verweisungsrecht.

Was gilt, wenn Sie tatsächlich reparieren lassen?

Dann wird die Sache einfacher. Steht die Position auf der Werkstattrechnung, ist sie angefallen. Hinzu kommt das sogenannte Werkstattrisiko, das der BGH am 16.01.2024 in mehreren Verfahren umrissen hat, darunter VI ZR 253/22. Sie dürfen darauf vertrauen, dass eine Fachwerkstatt keinen unwirtschaftlichen Weg wählt und nur erforderliche Maßnahmen durchführt. Rechnet die Werkstatt überhöht ab, geht das grundsätzlich zulasten des Schädigers.

Zwei Einschränkungen sollten Sie kennen. Das Werkstattrisiko schützt Sie nicht bei einem eigenen Auswahl- oder Überwachungsverschulden. Und wenn Sie die Rechnung noch nicht bezahlt haben, können Sie Zahlung an die Werkstatt verlangen, nicht an sich selbst.

Für die drei hier besprochenen Positionen bedeutet das viel. Ein Prüfbericht, der Verbringungskosten von der Rechnung eines Leipziger Markenbetriebs streichen will, muss darlegen, warum diese Fahrt nicht nötig gewesen sein soll. Dieselbe Hürde gilt für den UPE-Aufschlag, wenn der Betrieb ihn auf der Rechnung ausweist. Bewahren Sie die Reparaturrechnung deshalb im Original auf und lassen Sie sich die Positionen einzeln aufschlüsseln, statt eine Sammelposition Lackierung zu akzeptieren.

Wie begründe ich diese Positionen im Gutachten?

Eine Kalkulation, die nur Zahlen ausweist, lädt zur Kürzung ein. Ich lege deshalb offen, woher die Werte kommen:

  • Nennung des markengebundenen Referenzbetriebs in Leipzig oder im Umland, dessen Sätze der Kalkulation zugrunde liegen
  • Angabe, ob dieser Betrieb eine eigene Lackiererei betreibt, und daraus abgeleitet die Verbringung
  • Höhe des UPE-Aufschlags mit Bezug auf die Marke und den regionalen Markt
  • Lackaufbau des Fahrzeugs und die konkret beilackierten Bauteile
  • Fotodokumentation der Farbtongrenzen und angrenzenden Flächen

Mit dieser Grundlage lässt sich ein Kürzungsschreiben Position für Position beantworten. Wie das abläuft, beschreibe ich im Beitrag Versicherung kürzt das Gutachten.

Was tun, wenn die Versicherung streicht?

Widersprechen Sie schriftlich und lassen Sie sich die Streichung begründen. Ein Satz wie nicht ortsüblich ist keine Begründung, solange er ohne Erhebung im Leipziger Markt daherkommt. Fordern Sie den vollständigen Prüfbericht an und geben Sie ihn an mich weiter. Ich nehme dazu technisch Stellung, und diese Stellungnahme geht an Ihren Anwalt.

Ich bin freier und unabhängiger Kfz-Sachverständiger mit Sitz in der Dessauer Str. 40 in Leipzig-Eutritzsch. In über zehn Jahren und mehr als 1.000 Gutachten habe ich diese drei Positionen häufiger verteidigt als jede andere. Wenn Ihr Gutachten gekürzt wurde oder Sie vor der Beauftragung stehen, schreiben Sie mir oder rufen Sie an. Ein Unfallgutachten im Haftpflichtschaden beauftragen Sie als Geschädigter selbst, die Wahl des Sachverständigen liegt bei Ihnen.

Häufige Fragen dazu

Darf die Versicherung Verbringungskosten bei fiktiver Abrechnung streichen?

Nur mit Begründung. Wenn die markengebundenen Fachbetriebe in Ihrer Region keine eigene Lackiererei betreiben und die Verbringung dort anfällt, gehört sie zum erforderlichen Herstellungsaufwand nach § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB. Der Sachverständige muss die regionale Üblichkeit im Gutachten belegen.

Wie hoch sind UPE-Aufschläge üblicherweise?

In der Praxis liegen die Aufschläge auf die unverbindliche Preisempfehlung meist zwischen 10 und 20 Prozent des Teilepreises, je nach Marke und Betrieb. Der Aufschlag deckt Lagerhaltung, Beschaffung und Kapitalbindung des Ersatzteillagers ab.

Muss ich für die Beilackierung tatsächlich reparieren lassen?

Nein. Der BGH hat am 17.09.2019 (VI ZR 396/18) entschieden, dass Beilackierungskosten auch bei fiktiver Abrechnung dem Grunde nach ersatzfähig sind. Sie müssen im Streitfall aber darlegen, dass die Beilackierung bei einer gedachten Reparatur mit überwiegender Wahrscheinlichkeit angefallen wäre.

Was ist, wenn die Werkstatt eine eigene Lackiererei hat?

Dann fallen keine Verbringungskosten an und gehören auch nicht ins Gutachten. Genau deshalb prüfe ich vor der Kalkulation, wie die markengebundenen Betriebe in Leipzig und Umland tatsächlich aufgestellt sind.

Gelten die Positionen auch bei einem älteren Fahrzeug?

Ja, wenn eine Reparatur in einer markengebundenen Fachwerkstatt der Maßstab bleibt. Bei Fahrzeugen ab drei Jahren kann die Gegenseite unter engen Voraussetzungen auf eine gleichwertige freie Werkstatt verweisen. Sie muss die Gleichwertigkeit dann darlegen und beweisen.

Rechtsgrundlagen und Quellen

  • § 249 BGB, Art und Umfang des Schadensersatzes Bürgerliches Gesetzbuch, gesetze-im-internet.de/bgb/__249.html
  • BGH, Urteil vom 17.09.2019, VI ZR 396/18, Beilackierungskosten bei fiktiver Abrechnung Bundesgerichtshof, VI. Zivilsenat
  • BGH, Urteil vom 29.04.2003, VI ZR 398/02, BGHZ 155, 1, Stundenverrechnungssätze der Markenwerkstatt Bundesgerichtshof, VI. Zivilsenat
  • BGH, Urteil vom 20.10.2009, VI ZR 53/09, Verweisung auf eine freie Werkstatt Bundesgerichtshof, VI. Zivilsenat
  • BGH, Urteile vom 16.01.2024, unter anderem VI ZR 253/22, Werkstattrisiko Bundesgerichtshof, VI. Zivilsenat
  • § 287 ZPO, Schadensschätzung durch das Gericht Zivilprozessordnung, gesetze-im-internet.de/zpo/__287.html

Dieser Text ersetzt keine Rechtsberatung. Er gibt wieder, wie ich als Sachverständiger arbeite und worauf es bei der Schadenaufnahme ankommt. Für die Durchsetzung Ihrer Ansprüche wenden Sie sich an einen Rechtsanwalt.